Was ist laut aktuellen Erhebungen der größte Stressfaktor in Deutschland? Und was sind die am häufigsten genannten Faktoren für die Belastungen von Arbeitnehmern?Laut einer kürzlichen Erhebung der Techniker Krankenkasse gibt fast jeder zweite Teilnehmer an, dass die Arbeit der größte Stressfaktor sei. Zu den am häufigsten genannten Faktoren, die Mitarbeiter in Ihrem Job als besonders belastend empfinden, zählen insbesondere Termindruck, Hektik und zu viel Arbeit (TK, 2016).Die Forschung zeigt, dass Stress nicht per se schlecht ist, vielmehr sind die Art der Belastungen („Stressoren“) und der Umgang damit entscheidend (Le Fevre, Matheny & Kolt, 2003). Stressreaktionen können sogar sehr nützlich sein und erfüllen eine wichtige Funktion. Eine nahende Deadline für einen Kundentermin kann sicherlich zeitweise beflügeln, ebenso wie Wettbewerb im Lieblingssport. Doch wenn ca. 40% der befragten Mitarbeiter in großangelegten Studien angeben, dass sie sich im Job „abgearbeitet“ und „verbraucht“ fühlen, so ist dies ein wichtiges und ernstzunehmendes Alarmsignal (TK, 2016). Denn die langfristigen Wirkungen von chronischem Stress stehen in Zusammenhang mit Bluthochdruck, Brustschmerzen, Schlafstörungen, Angstzuständen und Depressionen (Lupien, McEwen, Gunnar & Heim , 2009).  In einer Meta-Analyse mit 228 Studien, bei der die Effekte von arbeitsplatzbezogenem Stress – wie z.B. lange Arbeitszeiten, Arbeitsplatzunsicherheit und eine fehlende Work-Life-Balance – auf die Gesundheit untersucht wurden, kommen Forscher der Stanford University zu dem Schluss, dass Stress 190 Milliarden USD an Gesundheitskosten verursacht und mit bis zu 120.000 Todesfällen pro Jahr in Zusammenhang steht (Goh, Pfeffer, & Zenios, 2015).

Ein zentrales Merkmal psychischer Gesundheit bildet das Kohärenzgefühl. Dieses bezieht sich auf die Grundhaltung, dass die eigene Existenz als sinnvoll erachtet wird und Herausforderungen und Belastungen als verstehbar und handhabbar wahrgenommen werden. Menschen mit einem hohen Kohärenzempfinden scheinen besser in der Lage zu sein, Stress zu bewältigen (Eriksson & Lindström, 2006).  Es stellt sich daher die Frage, mit welchen Mechanismen chronischer Stress vermieden und das Kohärenzgefühl gestärkt werden kann. Dieser Frage wurde im Rahmen einer Pilotstudie zum Thema Achtsamkeit durch das Forscherteam Prof. Dr. Myriam Bechtoldt und Alexander Götmann vom Lehrstuhl für Leadership der EBS Universität in Kooperation mit Katrin Seidenfaden vom Zentrum für Achtsamkeit und Beratung in Wiesbaden nachgegangen.

Dazu wurde im Zeitraum von Januar bis Mai 2018 eine Pilot-Studie mit 35 Personen durchgeführt. Bei den von Katrin Seidenfaden angebotenen Achtsamkeitstrainings geht es darum, sich selbst und die Welt unmittelbar zu erleben und den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen und anzunehmen. Die Schwerpunkte der achtwöchigen Achtsamkeitsprogramme bilden angeleitete Meditationsübungen im Liegen, Sitzen und Gehen, Dialoge über Wahrnehmung, Stressauslöser, Kommunikation und Umgang mit persönlichen Grenzen sowie Übungen zu Mitgefühl mit sich selbst und anderen.

Für das Forschungsdesign wurde eine Vorher-Nachher Erhebung mit einer Wartelisten-Kontrollgruppe verwendet. Das bedeutet konkret, dass für die Untersuchung der Achtsamkeitstrainings zwei Gruppen gebildet wurden. Die erste Gruppe nahm an den achtwöchigen Achtsamkeitstrainings im Zeitraum von Januar bis März 2018 teil, die zweite Gruppe hingegen erst später, nachdem die erste Gruppe ihr Training beendet hatte. Diese zweite Gruppe bildete somit die Vergleichsgruppe, um die Wirkung des Trainings auf die erste Gruppe zu untersuchen. Die Ergebnisse aus dieser Pilotstudie bestätigen die bereits aus der Forschung bekannten, positiven Effekte von Achtsamkeit auf Stressreduktion. Nach einem achtwöchigen Achtsamkeitstraining gaben die Studienteilnehmer an, dass sie sich weniger ausgebrannt bzw. erschöpft bei der Arbeit fühlten als Teilnehmer in der Kontrollgruppe. Ferner berichteten Teilnehmer nach dem Achtsamkeitstraining über ein erhöhtes Maß an Kohärenzsinn, was daraufhin deutet, dass Achtsamkeit das Gefühl beeinflusst, das eigene Leben als sinnvoll, relevant und verstehbar wahrzunehmen.

Neben diesen positiven Auswirkungen auf psychische Gesundheit sind weitere arbeitsplatzrelevante Merkmale denkbar, die durch Achtsamkeitsschulungen verbessert werden könnten; hierzu gehören beispielsweise ethisch-moralisches Handeln und kooperatives Verhalten. Um dies zu untersuchen, werden wir im Herbst 2018 mit einer gemeinsam konzipierten Längsschnittstudie beginnen.

Über die Autoren:

Prof. Dr. Myriam Bechtoldt hat den Lehrstuhl für Leadership an der EBS Universität in Oestrich-Winkel inne. Sie ist Diplom-Psychologin und ausgebildete systemische Psychotherapeutin. Ihre Forschungsinteressen beziehen sich auf Emotionen am Arbeitsplatz, emotionale Intelligenz, Stress und Gesundheit am Arbeitsplatz.

Dipl. Psych. Katrin Seidenfaden ist als Spezialistin für Achtsamkeit (MBSR Mindfulness-Based Stress Reduction), MSC (Mindful-Self Compassion), SIY (Search Inside Yourself) und ACT (Acceptance- and Commitment-Training) und systemische Therapeutin sowohl in Ihrem Zentrum in Wiesbaden als auch in (DAX) Unternehmen tätig.

Alexander Götmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Leadership an der EBS Universität in Oestrich-Winkel. Seine Forschungsinteressen beziehen sich auf Achtsamkeit, psychologische Gesundheit und Führungsverhalten im digitalen Zeitalter.